Mein teuerster Espresso war der schlechteste.

stefan@simplify.swiss
Veröffentlicht am: 20.09.2026
Ich habe einmal einen sündhaft teuren Kaffee bestellt. Auf Empfehlung. Ich war überzeugt, der löse mein Problem.
Der Espresso wurde schlechter. Deutlich schlechter.
Am ersten Morgen dachte ich, ich hätte etwas falsch gemacht. Am zweiten habe ich nachjustiert. Am dritten habe ich die Tasse in den Ausguss geleert und bin ohne Kaffee aus der Küche.
Was mich getroffen hat, war nicht das Geld. Es war der Verdacht, dass ich weniger verstanden hatte, als ich dachte. Ich habe ernsthaft überlegt aufzuhören und die Maschine zu verkaufen.
«Das war keine Pechsträhne. Das war das, was passiert, wenn du Erfahrung mit Sicherheit verwechselst.»

Wie ich dort hingekommen bin
Ich hatte eine Olympia Express Maximatic in Rot, dazu die Mühle Moca, ebenfalls rot.
Jeden Morgen derselbe Ablauf. Einschalten und zwanzig Minuten warten, bis der kleine Kessel oben ist. Tasse vorwärmen. Dosieren, mahlen, im Sieb verteilen, tampern. Dann den Bezug starten und auf den Auslauf schauen.
Am Anfang war der Kaffee schlecht. Nicht ein bisschen schlecht, sondern wirklich schlecht.
Also habe ich gelesen, Videos geschaut, Foren durchsucht und Leute gefragt. Mit der Zeit habe ich verstanden, was die Brühtemperatur macht und was der Mahlgrad mit der Durchlaufzeit anstellt. Und warum das Wasser wichtiger ist, als ich dachte. Ich habe Bohnen gekauft, die mir nicht geschmeckt haben, und Bohnen, bei denen ich zuerst nicht wusste, warum sie mir schmeckten.
Am Anfang stand die Uhr daneben. Irgendwann habe ich sie nicht mehr gebraucht. Ich sah am Strahl, ob der Mahlgrad passt und ob die Zeit stimmt. Das ist mir damals nicht aufgefallen. Heute weiss ich, dass genau dort aus Probieren Können wurde.
Das hat Monate gedauert.
Ein paar Schritte zurück
Statt aufzuhören bin ich zurückgegangen. Zurück zur Bohne, die ich kannte, zurück zu den Einstellungen, die funktioniert hatten. Von dort wieder vorwärts, eine Änderung nach der anderen.
An einem Morgen habe ich mir extra Zeit genommen. Nach den ersten dunklen Tropfen lief es an wie warmer Honig, ein Mausschwanz, der nicht abriss und nicht spritzte, knapp dreissig Sekunden. Die Crema haselnussbraun mit der feinen Tigerung. Süss im Antrunk, die Säure dahinter statt davor, langer Abgang.
Am Nachmittag kam ein Kunde zur Besprechung, und er wollte einen Kaffee. Er hat die Tasse abgesetzt und gesagt, das sei wie in Italien im Strandcafé. Ging runter wie Öl.
An dem Nachmittag habe ich mehr über den Kaffee geredet als sonst. Woher die Bohne kommt, warum ich sie so mahle. Wer versteht, was er tut, erzählt anders davon, und das merkt der Gast.
Was wirklich passiert war
Erst danach habe ich begriffen, woran es gelegen hatte.
An der Maschine hatte ich nichts geändert, nur die Bohne. Jede Bohne will ihre eigenen Einstellungen. Die neue war heller geröstet und dichter, also lief sie mit meinem alten Mahlgrad viel zu schnell durch. Zwanzig Sekunden statt dreissig, blasse Crema, die sofort zerfiel. Unterextrahiert, sagt der Fachmann. Sauer und dünn, sagt der Gaumen.
Der Fehler war nicht, dass ich zu wenig konnte. Ich hatte mir monatelang etwas erarbeitet. Der Fehler war, dass mich genau das sicher gemacht hat. Ich habe eine bessere Zutat gekauft und angenommen, das Ergebnis werde besser. Dass sich damit sämtliche Bedingungen ändern, habe ich übersehen.
Erfahrung schützt dich nicht davor, in einer neuen Lage den falschen Schluss zu ziehen. Sie macht den falschen Schluss nur schneller.
Und noch etwas gehört dazu. Ich habe nichts von dem selber erfunden. Ich habe das Wissen von anderen genommen, aus Büchern, aus Videos, von Röstern, die geduldig geantwortet haben. Das sind Abkürzungen, und sie sind völlig in Ordnung. Sie haben mein Verstehen beschleunigt. Verstehen musste ich selber.
Der Kreis
Bei jedem Bezug passieren vier Dinge. Du schaust hin. Du verstehst, was du siehst. Du entscheidest, was du änderst. Du tust es.
Das ist kein Fliessband, das ist ein Kreis. Dein Tun erzeugt die nächste Beobachtung, und aus der wächst das nächste Stück Verständnis. Deshalb lautet die Frage nicht, wie viele Schritte du selber machst. Sie lautet, ob du im Kreis bleibst.
Bekomme ich Rückmeldung? Kann ich erklären, warum etwas funktioniert? Und merke ich es, wenn meine Erklärung nicht mehr trägt?
Am leichtesten bricht der Kreis in der Mitte. Eine Waage nimmt dir das Hinschauen ab, eine Mühle, die dir die Dosis abwiegt und von selber stoppt, das Tun. Beides ist harmlos. Sagt dir eine App, mahl zwei Klicks feiner, dann hast du das Deuten und das Entscheiden abgegeben. Du drehst noch mit. Du lernst nur nichts mehr dabei.
«Erfahrung schützt dich nicht davor, in einer neuen Lage den falschen Schluss zu ziehen. Sie macht den falschen Schluss nur schneller.»
Werkzeuge mit und ohne Ausgang
Es gibt Geräte, die diesen ganzen Weg überspringen. Sensoren, App, gespeicherte Profile. Das System misst deinen Bezug und sagt dir, was du ändern sollst. Ein Hersteller nennt das Gelinggarantie.
Es gibt auch das andere. Die Kaffeemacher haben eine Maschine getestet, die drei Betriebsarten hat. In der ersten führt sie dich wie ein Vollautomat. In der zweiten hilft sie nur, wenn du sie lässt. In der dritten verlangt sie Wissen und belohnt es. Die Tester schreiben, das Gerät ersetze das Verständnis nicht.
Ich weiss nicht, was die Hersteller sich dabei gedacht haben, und es spielt auch keine Rolle. Was zählt, ist die Wirkung. Das eine Gerät hat einen Ausgang. Beim anderen bleibst du, wo du bist.
Für mich persönlich wäre allerdings auch die dreistufige Maschine nichts. Mir ist das zu viel Technik für eine Tasse Kaffee. Ich mag das Klassische. Gerne modern gebaut, meinetwegen mit einem Dickfilmheizer statt eines Kessels. Was ich nicht will, ist Software, die mitredet. Das ist Geschmack, kein Massstab.
Eine Sitzung
Vor einiger Zeit war ich in einem Interim-Mandat. Eine erfahrene Führungskraft, viele Jahre im Geschäft, ein Leistungsausweis, der sich sehen lässt.
Eine Sitzung, wie sie in vielen Firmen jeden Monat stattfindet. Die Auswertung liegt auf dem Tisch. Ein Wert ist schlechter als geplant.
Er fängt freundlich an. Er will die Leute mitnehmen, das ist ihm wichtig, und er sagt es auch.
Dann geht es schnell. Er kennt seine Auswertung bis in die letzte Zeile, er hat sie ja selber durchgearbeitet. Die Leute im Raum sehen sie zum ersten Mal. Sie müssten sich eindenken, und dafür bräuchten sie Verständnisfragen.
Fragen brauchen eine Erlaubnis. Manchmal genügt es, wenn sie im Raum spürbar ist. Oft muss man ausdrücklich dazu auffordern.
Diese Aufforderung kam nicht. Was kam, war Ungeduld. Von da an hat er nur noch gesendet und erklärt.
Am Schluss war die Zahl besprochen und die Aufgabe verteilt. Verstanden hatte sie, soweit ich das beurteilen konnte, niemand ausser ihm.
«Die Zahl hat in diesem Raum das Gespräch beendet. Sie hätte es eröffnen können.»
Was in diesem Raum gefehlt hat
Das Hinschauen hatte er. Die Scorecards lagen ja auf dem Tisch.
Beim Verstehen fing es an zu klemmen. Er konnte nicht sagen, an welcher Stellschraube seine Leute drehen müssten, damit sich die Zahl bewegt. Erklären konnte er es ihnen deshalb auch nicht. Und dass sie es ebenfalls nicht wussten, ist ihm nicht aufgefallen.
Die Zahl hat in diesem Raum das Gespräch beendet. Sie hätte es eröffnen können.
Du musst als Vorgesetzter nicht alles besser verstehen als deine Leute. Dafür hast du sie. Du musst genug verstehen, um zu merken, ob ihr überhaupt vom Gleichen redet. Und du musst dafür sorgen, dass ein «Ich verstehe noch nicht, warum» in deinen Sitzungen keine Schwäche ist. Solange es eine ist, bleibt genau die Information ungesagt, die du für eine gute Entscheidung brauchst.
Einem Dashboard kann man sehr wohl widersprechen. Seinen Daten, seiner Auswahl, seiner Deutung. Die Frage ist, ob der Widerspruch erwünscht ist.
«Das Armband war seines. Das Zeichen war meines, und es war von Anfang an dafür gedacht, überflüssig zu werden.»
Das Armband und das Zeichen
Er hat es übrigens gemerkt. Das ist mir wichtig. Ihm ist nicht entgangen, dass ihm in diesen Sitzungen etwas entgleitet. Nur merkte er es jeweils, wenn er schon mitten drin war.
Wir haben zwei Dinge vereinbart, beide klein.
Er trug ein schmales Lederarmband. Immer wenn er das Gefühl hatte, es laufe in die falsche Richtung, sollte er es eine halbe Umdrehung am Handgelenk drehen. Mehr nicht. Die Bewegung unterbricht den Automatismus. Er ist für einen Moment draussen, sieht, wo er steht, und kann anders weitermachen.
Das Zweite war für die Momente, in denen er es selber nicht bemerkte. Wir haben ein Zeichen abgemacht, das ich mit meinem Füllfederhalter gebe. Unauffällig. Niemand sonst im Raum wusste davon.
Das Armband war seines. Das Zeichen war meines, und es war von Anfang an dafür gedacht, überflüssig zu werden.
Das hat lange gedauert. Bewusst war ihm das Muster längst, und er ist trotzdem immer wieder hineingefallen. Beim Optimum sind wir bis heute nicht. Besser geworden ist es deutlich.
Mir ist erst viel später aufgefallen, dass sein Armband dasselbe war wie meine Uhr neben der Maschine. Ein Hilfsmittel, das dir sagt, wo du gerade stehst, bis du es selber siehst.
Und ich?
Die Olympia steht nicht mehr bei mir. Meine Frau hat sich am Kaffeestaub gestört, und der lässt sich nicht verhindern. Heute habe ich eine ESE-Pad-Maschine.
Das ist eine Abkürzung, nach meiner eigenen Definition. Das Pad entscheidet über Menge, Mahlgrad und Pressung, also über alles, was ich jahrelang selber gemacht habe.
Ich habe wieder lange gebraucht, bis der Kaffee stimmte. Welche Pads, welcher Röster, wie wird der Kaffee angebaut. Schmecken kann ich es immer noch.
Beim Pad gibt es nichts einzustellen. Sieben Gramm, im Werk dosiert und gepresst, bevor ich überhaupt in der Küche stehe. Mir bleibt die Wahl des Pads und das Urteil über das Ergebnis.
Stünde morgen eine Siebträgermaschine da, mit einer Bohne, die ich nicht kenne, bräuchte ich eine Woche. Dann hätte ich alles im Griff.
Damals waren es Monate. Das Wissen ist geblieben, die Übung nicht. Die Woche ist der Preis dafür, und ich zahle ihn gern.
Ab und zu schaue ich mir die Zuriga an. Vielleicht steht sie irgendwann bei mir. Der Kaffee wäre eine Liga besser, da mache ich mir nichts vor. Der eigentliche Grund ist trotzdem ein anderer. Das Handwerk macht mich glücklich.
Was bleiben muss
Lange habe ich geglaubt, das Kriterium sei, ob du eine Abkürzung jederzeit zurücknehmen kannst. Im Führungsalltag trägt das nicht. Du kannst die Arbeit deines Controllers nicht übernehmen, und du musst es auch nicht.
Drei Dinge musst du behalten. Du musst das Ergebnis beurteilen können. Du musst die Grenzen dessen erkennen, was dir ein Werkzeug sagt. Und du musst bei Unklarheit gemeinsam nachforschen, statt die Unklarheit zu überspringen.
Die Technik darf mir das Heizen abnehmen. Das Denken nicht.
Und weil Führung nicht bei dir aufhört, kommt eine vierte Frage dazu. Wie viel Verstehen entsteht bei deinen Leuten durch die Art, wie du arbeitest? Ein Werkzeug, das dir heute ein Ergebnis liefert und dein Team morgen ratloser zurücklässt, hat dich teuer bezahlt.
Wo hast du diese Woche ein Ergebnis bewertet, bevor du verstanden hattest, wie es entstanden ist?
— Stefan
Gründer, deepn